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Lux in Cruce – Crux in Luce

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Lux in Cruce – Crux in Luce

By Joost R. Ritman

Vorwort  zu dem Ausstellungskatalog Cimelia Rhodostaurotica. Amsterdam. 1995

Lux in Cruce – Crux in Luce

Das Licht im Kreuz – Das Kreuz im Licht

Die Bibliotheca Philosophica Hermetica ruht im Wesentlichen auf vier Pfeilern der hermetisch-christlichen Tradition, die in der europäischen Geistesgeschichte eine hervorragende Bedeutung hatten. Es sind die hermetische Philosophie, die christliche Mystik, die naturphilosophische Alchemie und die Schriften der klassischen Rosenkreuzer.

Es ist dieser reiche Strom geistiger Kraft, aus dem Autoren, Philosophen und Mysterienschulen hervorgehen, die sich die Gnosis, das Wahre Wissen vom Leben, seinem Ursprung, seinem Werden und seiner schliesslichen Vervollkommnung zu ihrem einzigen Ziel setzten.

In dieser goldenen Tradition, die wir den Faden der Ariadne nennen wollen, die einen Jahrtausende überspannenden Strom lebendiger Zeugnisse hervorgebracht hat, finden wir die Bestätigung einer Wissensfülle, die mit der mündlichen Überlieferung der geheimen Lebensansichten innerhalb der geweihten Mauern von Mysterienschulen begann. Später wurden diese Zeugnisse in Stein gemeisselt und in Handschriften niedergelegt, um schliesslich durch das gedruckte Buch eine ungeheure Verbreitung zu finden, die zu einer unschätzbaren Ernte an spirituellen Überlieferungen führte.

Darum sieht die Bibliotheca Philosophica Hermetica ihren Auftrag darin, alle Zeugnisse dieser Tradition in Form von Schriften und gedruckten Büchern sowie die Forschungsergebnisse von Kennern der Gegenwart und vergangener Jahrhunderte zusammenzutragen, zu erschliessen und, was besonders wichtig ist, immer weiter zu ergänzen.

Darin zeichnet sich deutlich die Bedeutung von zwei spirituellen Mysteriennamen ab: Hermes Trismegistos und Christian Rosenkreuz. Zwei Mysteriennamen, zwei Symbole, zwei geistige Ansichten eines spirituellen Entwicklungsgangs, die sich als die hermetisch-christliche Tradition erklären lassen und von denen wir heute, auf die vergangenen 2000 Jahre zurückblickend, sagen können, dass sie den goldenen Ariadnefaden repräsentiert haben.

Mit Hermes Trismegistos stehen wir am Anfang der christlichen Zeitrechnung in den ersten drei Jahrhunderten in der Stadt Alexandria, in einer hermetischen Loge, einer Zeit, in der die bekannten Texte der hermetischen Tradition wie das Corpus Hermeticum, der Asclepius und die Tabula Smaragdina entstanden.

Um das Jahr 1600 herum stossen wir in der Geistesgeschichte Europas auf ein neues Phänomen, einen neuen Mysteriennamen: Christian Rosenkreuz. Bei der ersten Ausstellung früher Rosenkreuzerschriften im Jahre 1986, einem Ereignis, das mit der Vierhundertjahrfeier der Geburt von Johann Valentin Andreae zusammenfiel, kamen die heutigen Forscher dieses Gebiets zum erstenmal in Amsterdam zusammen. Dort entstand damals auch der Auftrag und die gegenseitige Verbundenheit, die Entstehungsgeschichte der Rosenkreuzerbruderschaft und des sogenannten Tübinger Kreises von Tobias Hess, Johann Valentin Andreae und Christoph Besold weiter zu entschleiern.

Wir müssen uns das Erscheinen der Manifeste der Rosenkreuzerbruderschaft zu Beginn des 17. Jahrhunderts in einem Kreis von Gestalten vorstellen, die mit der Gründung der nach Christian Rosenkreuz benannten Rosenkreuzerbruderschaft eine spirituelle Entwicklung in der Form einer allgemeinen Generalreformation vor Augen hatten.

Die grosse Bedeutung der Manifeste der Rosenkreuzerbruderschaft liegt in den Reaktionen, den Entgegnungen, den auf sie folgenden Schriften, die davon geprägt sind, dass aus der Quelle geschöpft wird und dass der Impuls, der so deutlich aus den in den Jahren 1614, 1615 und 1616 erschienenen Manifesten spricht, seine Wirkung nicht verfehlt hat.

Der Kongress ‘Rosenkreuz als europäisches Phänomen im 17. Jahrhundert’, der mit 20 Referenten und Kennern dieser Materie vom 23. bis 25. November 1994 im Bibelsaal der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel stattfand [die Akten erschienen 2002 unter den gleichnamigen Titel], bedeutete einen neuen, wichtigen Schritt nach vorn in der Blosslegung der Wurzeln der wirklichen Entstehungsgeschichte der Rosenkreuzerbruderschaft und ihrer Manifeste, der Fama fraternitatis, der Confessio fraternitatis und der Chymischen Hochzeit des Christian Rosencreutz.

Im Vorwort zu der auf dem Kongress vorgelegten neuesten Veröffentlichung der Bibliotheca Philosophica Hermetica unter dem Titel Adam Haslmayr. Der erste Verkünder der Manifeste der Rosenkreuzer ging ich bereits auf meine Begegnung mit Carlos Gilly im Jahre 1985 und auf unseren damals gefassten Vorsatz ein, die Rosenkreuzerbruderschaft und die Menschen aus Fleisch und Blut, die hinter der Entstehung der Rosenkreuzermanifeste standen, in unserer Zeit erstmals ins volle Licht zu rücken.

Die jetzt veranstaltete Ausstellung, wiederum das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen der Herzog August Bibliothek mit ihren reichen Beständen und der Bibliotheca Philosophica Hermetica sowie weiterer wichtiger Bibliotheken in Europa, präsentiert ein unglaubliches Phänomen, das im Titel des Ausstellungskatalogs genannt wird: Cimelia Rhodostaurotica. Die Rosenkreuzer im Spiegel der zwischen 1610 und 1660 entstandenen Handschriften und Drucke. Der Verfasser dieser Arbeit ist unser Bibliothekar, Dr. Carlos Gilly.

In dieser Ausstellung sind rund 250 Schriften aus ganz Europa zusammengetragen worden. Damit ist einer der grossen Wünsche der Bibliotheca Philosophica Hermetica erfüllt, nämlich der Wunsch, erstmals in der Geschichte Europas einen weitgespannten Überblick über den gewaltigen spirituellen Impuls zu vermitteln, der zwischen 1610 und 1660 das damalige Europa in grosse Aufregung versetzt hat, und dadurch die Voraussetzung zu seiner Erforschung zu schaffen.

Durch eine historische Untersuchung der Schicksale der ersten Brüder vom Rosenkreuz sowie der von ihnen verfassten Manifeste und der auf sie folgenden handschriftlichen und gedruckten Reaktionen wurde der grosse geistige Impuls, der sie bewegte, zutage gefördert. Forscher, Interessenten und geistige Bewegungen des heutigen Europa erfahren dadurch eine grosse Bereicherung.

Was mich selbst als Gründer der Bibliotheca Philosophica Hermetica von jeher besonders beschäftigt hat, ist die lange Reihe der Rosenkreuzerbibliographien, die nacheinander das Tageslicht erblickt haben. Die für mich wichtigste Schrift, die mir in den frühen Sammlerjahren, also in den sechziger Jahren, in die Hände gekommen ist, trägt den Titel Missiv an die hocherleuchtete Brüderschaft des Ordens des goldenen und Rosenkreuzes und den Untertitel Verzeichnis von 200 Rosenkreuzerschriften vom Jahr 1614 bis 1783. Sie erschien im Jahre 1783 bei Adam Friedrich Böhme in Leipzig. Die Schriften, die aus Böhmes Druckerei in die Welt gelangten, weisen ihn meiner Meinung nach als den wichtigsten Verleger seiner Zeit aus.

In dem Missiv an die hocherleuchtete Brüderschaft des Ordens des goldenen und Rosenkreuzes geht der Verfasser und Herausgeber dieser äusserst wichtigen Veröffentlichung in erster Linie auf die spirituelle Bedeutung des geistigen Impulses ein, der in den Rosenkreuzerschriften zum Ausdruck gebracht wird. Insbesondere die Bezeichnungen der prima materia, des Steins der Weisen, die in 80 Axiomen zum Ausdruck kommen, verweisen auf die geistige Tiefe, die die Verfasser der hermetisch-christlichen Einweihungsschriften inspiriert hat.

Jane Leade schreibt hierüber in dem 1700 in Amsterdam gedruckten Werk Glorie oder Herrlichkeit Sarons in der Erneuerung der Natur: ‘Es ist und wird wenig erkanndt oder betrachtet, wie weit sich der Glaube, in Ansehung des Einkommens aller zeitlichen Seegen, erstrecke. Exempel derer, die hierinnen, und also auch des tieffen Geheimnüsses der Philosophen, durch ihre Erkandnus des ursprünglichen Grunds der Natur, Erfahrung haben, mag man an einer gewissen Brüderschafft, (wiewol sie annoch für fabelhafft gehalten wird) haben, die, wie bekandt, wircklich im Wesen ist: welche sich bisher bedeckt und verborgen gehalten: weil der grösste Hauffe der Menschen solches eröffnet zu haben nicht würdig zu achten ist. Diese sind unter sich selbsten in einem Theile dieser sichtbaren Welt, als in ein äusser Paradies gepflantzet. Worinnen sie grosse und wunderbare Wunder thun und auswircken, weil sie Meister der Schätze des mineralischen Reichs sind. Diese werden zu einem grossen Wercke in ihrer Zeit und Stunde bewahrt und aufbehalten. Welches geschehen soll, wenn ein solch Geschlechte aufstehen wird, das zum mehr gesäuberten oder höher gradirten Theile der Göttlichen Philosophie erbohren ist, und in der Pfingstschule im geistlichen Glauben oder Glauben des Geistes aufwächst und unterwiesen wird, welcher das Korn und der Saame ist, woraus derjenige geistliche Leib erwachsen mag, der dem ausgedruckten Gleichnus Christi nach der Erscheinung seiner Auferstehung ähnlich ist.’

Für die Brüder vom Rosenkreuz ist die lebendige Natur, die gesamte kosmische Offenbarung eines mineralischen Lebens, eines Pflanzenlebens, des tierischen Lebens und auch des animalischen Lebens des Menschen Ausgangspunkt ihrer Betrachtung – so wie es schon vor ihnen in der klassischen Lebensanschauung geschah. Erstens gehen sie davon aus, dass das Leben sich in einer äusserlich sichtbaren Form offenbart, das Leben, wie wir es kennen. Zweitens sprechen sie von einer innerlichen Entwicklungsform, die wir das Leben und den Prozess der Bewusstwerdung nennen wollen, als einem nicht sichtbaren, nicht wahrnehmbaren, jedoch immerwährenden Prozess, der das gesamte Sinnesleben darstellt. Und der tiefste Punkt, um den es geht, ist drittens das Suchen der Begegnung mit dem Göttlichen, dem lebenschaffenden Prinzip, der geistigen, treibenden Kraft des Lebens.

In der Fortsetzung dessen, was die Brüder vom Rosenkreuz das eifrige Studieren des Buches M, des Liber Mundi, nannten, wie es in der Fama fraternitatis beschrieben ist, kommen wir anschliessend zu der mysteriösen Schrift, die nach der Eröffnung des Grabtempels in den Händen des Ordensstifters, des Vater-Bruders Christian Rosenkreuz, gefunden wird: das auf Pergament geschriebene Buch T, der Liber T, das Librum testamentum. Die Fama fraternitatis bezeugt, dass dieses Buch für sie nach der Bibel die kostbarste Schrift war.

Darum wollen wir, wenn wir von innen her die Gesetzmässigkeit der Natur studieren, wie sie sich im Leben des Menschen und gleichzeitig auch in der sich offenbarenden Natur abzeichnet, damit auch die spirituellen Aspekte der Natur verbinden, die bis in die Unendlichkeit des Universums reicht.

In den zahlreichen Reaktionen in Büchern, Manuskripten und Briefen, die auf die Manifeste der Rosenkreuzerbruderschaft folgten, heisst es, dass der Ausgangspunkt eines vollkommenen Befasstseins mit dem Mysterium des Lebens von den Rosenkreuzern mit zwei Aspekten verbunden wird, die ihr grosser Vorgänger Paracelsus ‘das Licht der Natur’ und ‘das Licht der Gnade’ nannte. Die Brüder vom Rosenkreuz nannten sich darum auch einerseits ‘hermetische Philosophen’ und andererseits ‘christliche Theosophen’.

Das Licht der Natur führt, wie das Wort bereits besagt, zur vollkommenen Kenntnis von Ursprung, Zusammenhang und Wirkungsweise aller Lebensprozesse im Mineral-, Pflanzen- und Tierreich und im animalischen Leben des Menschen. Als solche waren die damit verbundenen Erkenntnisse in der reichen Tradition verwurzelt, die wir als Alchemie und Heilkunst bezeichnen, und in der vor allem die Astrologie und die Magie dominierende Komponenten waren.

Das Licht der Gnade brachte den Forschenden, den Bruder vom Rosenkreuz, zu dem Mysterium seines inneren Selbst, zu der lebendigen Wirklichkeit der Seele, von der wir wissen, dass ein bewusster Seelenzustand die Brücke ist, die die Rückkehr zum göttlichen All, dem göttlichen Mittelpunkt, möglich macht.

Die Rosenkreuzer sagen, dass alles von Gott herrührt. Dabei ist Gott nicht eine abstrakte Projektion, sondern er wird als eine geistige, treibende Schöpfungskraft erklärt, die das Universum, den Kosmos und die Menschheit zu allgegenwärtigem Bewusstsein voranbewegt. In diesem Lichte gesehen ist der Zusammenhang zwischen den im Katalog und in der Ausstellung von unserem Bibliothekar Carlos Gilly zusammengestellten Schriften sehr deutlich.

Die hermetische Philosophie und die christliche Theosophie fussen auf einer gemeinsamen Basis, die im Corpus Hermeticum des Hermes Trismegistos die Kraft und die Weisheit und die Herrlichkeit Gottes genannt wird. Von Hermes Trismegistos wissen wir, dass die grundlegende Erklärung, das Grundgesetz der Alchemie, in der Tabula Smaragdina zu finden ist: ‘Es ist wahr, es ist sicher, es ist die volle Wahrheit, dass das, was oben ist, mit dem gleich ist, was unten ist.’

Es ist von grosser Bedeutung, dass wir in diesem Katalog zunächst den Werken des Hermes Trismegistos Aufmerksamkeit widmen, dessen Corpus Hermeticum erstmals im Jahre 1471 im Druck erschienen ist, und zwar in einer Übersetzung, die Marsilio Ficino im Auftrag von Cosimo de Medici besorgt hatte. Darum umfasst die tatsächliche direkte Verbindung mit der Entstehung der Rosenkreuzermanifeste einen Zeitraum von 150 Jahren.

Die Behandlung der Vorläufer der Brüder vom Rosenkreuz ist unerlässlich, um in die Gedankenwelt des ersten Kreises der Rosenkreuzer eindringen zu können, die einerseits eifrige Studierer des Liber Mundi, des Buches der Natur, waren und andrerseits ihr ganzes Leben der Ergründung der göttlichen Gesetzmässigkeit weihten, die sich als geistige Kraft in der All-Offenbarung ausdrückt.

Sie sahen dies als das Buch T, das Buch Gottes, das mit feurigen Zeichen, ja, aus der Kraft der Hand Gottes heraus, in der Natur ausgedrückt ist. Von daher wird man verstehen, dass für die Bibliotheca Philosophica Hermetica die Anschauungen von Materie und Geist untrennbar miteinander verbunden sind. Es gibt kein Buch M, kein Buch der Natur, das gelesen, verstanden und ergründet werden kann, ohne die direkte Verbindung mit dem Buch T, dem Buch Gottes, zu sehen.

Den Forschern, die sich in Zukunft mit dem Phänomen des Rosenkreuzes beschäftigen werden, wird sich zeigen, dass vor allem das 15. Jahrhundert mit der Renaissance in Italien und den grossen hermetischen Philosophen wie Marsilio Ficino und Pico della Mirandola ein Nährboden für die sich fortpflanzende geistige Tradition im Deutschland des 16. Jahrhunderts war, die grosse Denker wie Paracelsus hervorgebracht hat, und mit ihm Gestalten wie Reuchlin und Trithemius, die Wegbereiter und Schöpfer eines geistigen Klimas, in dem Caspar Schwenckfeld und nach ihm Valentin Weigel die grossen Inspiratoren des spirituellen Weltbildes waren, das um das 16. Jahrhundert herum in jener Gruppe von Personen Gestalt annahm, denen wir später im ersten Kreis der Brüder vom Rosenkreuz als den Verfassern der Manifeste begegnen.

Zehn Jahre nach Beginn der Archivierung der gedruckten Schriften und der Handschriften von Briefen und Entgegnungen in fast allen Bibliotheken und Archiven Europas wird die Bibliographie der frühen Rosenkreuzer, die den Zeitraum von 1610 bis 1660 umfasst, nach dieser Ausstellung nun bald vollendet werden können. Sie wird in den kommenden Jahren weitere Veröffentlichungen nach sich ziehen.

Wir wollen unsere Arbeit weiter fortsetzen und neben der Blütezeit des Rosenkreuzerschrifttums im 17. und 18. Jahrhundert auch die Strömungen und Anschauungen der Rosenkreuzer erforschen, die uns in den grossen geistigen Strömungen des 19. und 20. Jahrhunderts begegnen.

Und damit kommen wir zu dem Schluss: Hermes Trismegistos und Christian Rosenkreuz sind die Bildträger, die Symbolträger der hermetisch-christlichen Einweihungstradition der westlichen Welt. Die hermetische Philosophie widerspiegelt die uralte ägyptische Einweihungstradition von Osiris, Isis und Horus. Ihr grosser Verkünder, der erste Autor und Ratsherr, ist Thot, später bekannt als Hermes Trismegistos, ‘der dreimalgrösste’, ja Merkur als der höchste Aspekt einer sich geistig manifestierenden Kraft.

Ausdrücklich hervorgehoben sei hier, dass die ursprüngliche Geschichte ihre Basis in den ägyptischen Einweihungsansichten der Priesterstadt Memphis hat, die in der Bibliothek in Heliopolis niedergelegt waren.

Die Entdeckungen der letzten Zeit – wir denken hier an die hermetische Bibliothek in Nag Hammadi in Ägypten und an die in der Stadt Qumran am Toten Meer gefundenen Buchrollen – sind ein Beweis dafür, dass die hermetisch-christliche Tradition Tausende von Jahren in die Geschichte der Menschheit zurückreicht.

Die tatsächliche Tradition des Hermes Trismegistos umfasst also eine vorchristliche Periode, die 3000 Jahre überspannt. Mit der in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung erfolgten Gründung der hermetischen Loge in Alexandria, in der alle vorchristlichen Weisheitsströme, die griechischen, die jüdischen, die persischen, die ägyptischen und die frühchristlich-gnostischen Mysterien zusammenkommen, stehen wir an der Wiege der europäischen Geistesgeschichte.

Die hermetische Philosophie, die gnostische Tradition, die mystische Tradition, die naturphilosophische Tradition und die Rosenkreuzerphilosophie weisen sämtlich ohne Ausnahme auf die ursprüngliche Beziehung zwischen Gott (als Schöpfer), dem Kosmos (als dem offenbarten Buch des Lebens) und dem Mikrokosmos (als dem in dieser lebendigen Verbindung stehenden Menschen) hin.

Die reiche Symbolik dieser uralten Tradition ist deswegen nicht an Zeit, an Menschen, an Grenzen gebunden. Sie repräsentiert von Anfang an den universalen Einweihungsweg in das göttliche Urprinzip des Geistes, das All-Eine, die Gnosis, das universale All-Bewusstsein des Lebens, seinen Entwicklungsgang und seine vollkommene Offenbarungsform.

Darum steht dann auch die hermetisch-christliche Gnosis an der Basis der Urweisheit, wie diese sich in den Manifesten der Rosenkreuzerbruderschaft erneut einen Weg bahnt. Wir stehen hier wiederum vor einem geistigen Impuls, der aus der feinstofflichen Welt des Geistes herrührt und in der Schar der Brüder vom Rosenkreuz manifest wird, die auf die klassische Einladung zum Eintritt in die wirkliche Bruderschaft antworten und damit an der alchemischen Hochzeit des Vater-Bruders Christian Rosenkreuz teilhaben.

Die grosse Bedeutung des Kongresses im November 1994 und der jetzigen Ausstellung ‘Rosenkreuz als europäisches Phänomen im 17. Jahrhundert’, wie sie im Ausstellungskatalog Cimelia Rhodostaurotica. Die Rosenkreuzer im Spiegel der zwischen 1610 und 1660 entstandenen Handschriften und Drucke beschrieben ist, besteht darin, dass sie uns ganz direkt in die Periode der Entstehung sowie der unmittelbaren Nachfolge der Brüder vom Rosenkreuz versetzt und, wie von Carlos Gilly in diesem Katalog beschrieben, tausendfältige Reaktionen aus ganz Europa in Wort und Schrift zeigt.

Heute, 400 Jahre später, stehen wir mit der Erschliessung, der Verfügbarmachung der Quellen vor einer neuen Periode der Forschung. Darum sehen wir in dieser Ausstellung, in der erstmals die frühesten Rosenkreuzerschriften im Gesamtzusammenhang präsentiert werden, eine Einladung an die Welt der wissenschaftlichen, historischen und spirituellen Forschung.

Die Bibliotheca Philosophica Hermetica und ihr Mitarbeiterstab sowie der Kreis der mit ihr verbundenen Forscher in der ganzen Welt wollen mit dieser Ausstellung eine Welt erschliessen, die noch grosse Mysterien in sich birgt. Aber, und das sagten wir bereits bei anderer Gelegenheit, diese Welt kann nur durch disziplinierte Forschung, durch die Befragung der Quellen und ihre Einordnung und Auslegung im richtigen Kontext erschlossen werden.

Durch die wichtige Forschungsarbeit unter der Leitung unseres Bibliothekars, Dr. Carlos Gilly, treten wir in eine neue Periode der Forschung ein. Damit findet der Strom vager Bibliographien und Publikationen, die bis zum heutigen Tage ein überaus undeutliches Bild von dem wirklichen Zusammenhang und der Bedeutung der mit den Manifesten zusammenhängenden Rosenkreuzerschriften vermittelt hat, sein Ende.

Hermes Trismegistos und Christian Rosenkreuz sind die Repräsentanten, die geistigen Väter dieser spirituellen Welt. Gestalten wie Tobias Hess, Christoph Besold und Johann Valentin Andreae sowie alle Brüder vor und nach ihnen haben gezeigt, dass der Prozess der geistigen Bewusstwerdung ein ganz und gar menschlicher Prozess ist, ein Prozess der Veränderung, ein Prozess der Wiedergeburt, in dem die Mysterienansichten zum Ausdruck einer lebendigen Kraft werden.

Lebendige Kräfte, die in den christlichen Mysterien als die Wiedergeburt durch Geist, Wasser und Blut beschrieben werden und von den klassischen Rosenkreuzern mit leuchtendem Merkur, der rubinfarbenen Seelenkraft von Schwefel und der reinigenden Kraft von Salz, verbunden und in dem befreienden Axiom aller Zeiten ausgedrückt wurden: ‘Durch und aus Gott werden wir geboren. In Jesus Christus, dem Herrn, Seinem Sohn, sterben wir. In der Kraft des Heiligen Geistes werden wir wiedergeboren.’

Wenn die Brüder vom Rosenkreuz von der mysteriösen Entstehung der Heimstatt Sancti Spiritus, des Hauses des Heiligen Geistes, sprechen, bedeutet das daher nicht mehr und nicht weniger, als dass die Brüder vom Rosenkreuz damit bewiesen haben, dass nur der Mensch, der das Gold des Geistes, das Silber der Seele und das kristalline Salz des absolut reinen Menschen erworben hat, ein Bewohner dieses wahrhaft geistigen Hauses ist. Es ist ein Haus einer Bruderschaft, in dem die Entstehung des Lebens, die Offenbarung des Lebens und die schliessliche Rückkehr des Lebens in den göttlichen Urquell stattfindet.

Darum dürfen wir am Ende eines Einweihungsweges, der die zurückliegenden 5000 Jahren überspannt, den Wunsch und die Zuversicht aussprechen, dass an der Schwelle eines neuen Jahrtausends die Weltarbeit des Christian Rosenkreuz, die in der lebendigen, spirituellen Hierarchie aller Zeiten steht, ein Aufruf, eine Ermunterung für diejenigen sein möge, die den Weg der geistigen Vervollkommnung in einer neuen Menschheitsperiode gehen wollen.

Verehrter Leser: Von der Bruderschaft des Lebens geht ein persönlicher Auftrag aus, der so alt ist wie die Welt: strebe nach Wissen, indem du mit der Kenntnis deiner selbst beginnst, und gelange dadurch zu direkter Anschauung einer Welt der geistigen Kraft. Man sei sich bewusst, dass der spirituelle Weg, den die Menschheit gegangen ist, letztlich die wirkliche Bedeutung des Wortes ‘Jesus mihi omnia’ – Jesus ist mir alles – in ihrer vollen Kraft offenbart.

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